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Sprache, Politik und Geografie – oder: Warum Polen nicht in Osteuropa liegt

Ein Gastbeitrag von @ansdan00p. Der Autor dieses Gastbeitrags ist zufällig in Deutschland geboren, reist seit jeher durch Asien und Europa, lebte ein Jahr in Südosteuropa und hält nichts von dem absurden Konzept, Menschen anders zu behandeln, nur weil sie auf der anderen Seite einer imaginären Linie geboren sind. Aufgrund seiner Reisen muss er sich trotzdem andauernd damit herumärgern. DISCLAIMER: Er ist weder Geograf noch Sprachwissenschaftler.

Anlass, nicht Ursache, für diesen Blogpost ist eine Pressemitteilung der Deutschen Bahn zu neuen Bahnlinien im nördlichen Polen, in der so ziemlich alles falsch gemacht wird, was beim Thema „Sprache, Politik und Geografie“ falsch gemacht werden kann.

Polen liegt nicht in Osteuropa

Neben Polen ist DB Arriva in (Süd-)Osteuropa in Kroatien, Serbien, der Slowakei, Slowenien, Tschechien und Ungarn vertreten.

Keines dieser Länder liegt in Osteuropa und lediglich Serbien definitiv in Südosteuropa. Je nach Auslegung können auch Ungarn, Slowenien und Kroatien zu Südosteuropa gezählt werden, was jedoch umstritten ist. Die oft wiederholte (und teilweise noch unterrichtete) Aussage, Länder wie Polen, Tschechien und die Slowakei gehörten zu Osteuropa, ist weder geografisch, noch politisch haltbar und stößt vielen Betroffenen übel auf. Ich möchte im Folgenden auf einige der möglichen Gründe, die zu einer solchen Aussage führen, näher eingehen.

1. Nationalistisches („germanozentristisches“) Weltbild

Nationalismus bringt neben der Überhöhung der eigenen „Nation“ immer auch eine Zentrierung in der geografischen Weltsicht mit sich. Obwohl Deutschland geografisch im Westen Mitteleuropas liegt, wird per se davon ausgegangen, alles (süd-)östlich von Deutschland müsse zu Osteuropa gehören.

Sogenannter „Ethnozentrismus“ ist keine „deutsche“ oder nationalistische Eigenheit, kann aber vor allem in Verbindung mit Nationalismus und Rassismus schnell gefährlich werden.

2. Rassistische Verallgemeinerung als „slawisches Osteuropa“

Die deutschsprachige Wikipedia bezeichnet „Osteuropa“ in einem „ethnischen, sprachlichen und kulturellen Sinn“ als ein „von slawischen Völkern“ bewohntes Gebiet, erwähnt aber auch Kritik an dieser Begriffsauffassung. Denn allein ein Blick auf die Sprachfamilien der offiziellen Landessprachen reicht aus, um zu merken, dass in einem solchen „Osteuropa“ einige Lücken klaffen würden: Litauen und Lettland (Baltisch), Estland und Ungarn (Finno-Ugrisch), Rumänien und Moldawien (Romanisch) sind alles andere als „slawisch“.

Der Begriff „Osteuropa“ wird gerne negativ attributiert („arm“, „kriminell“,…), wie alleine die Nachrichten oft genug zeigen. Wenn nun auch noch von einem „slawischen Osteuropa“ die Rede ist, braucht sich keine*r mehr darüber wundern, dass auch Rassismus gegenüber „Slawen“ in Mitteleuropa zum Alltag gehört – und damit der Wunsch, sich künstlich (zum Beispiel durch geografische Bezeichnungen) von „ihnen“ abzugrenzen.

3. Gleichsetzung der Europäischen Union mit Europa

Viele, insbesondere junge Menschen, sind erst durch die EU-Osterweiterungen 2004 und 2007 das erste Mal mit einigen Ländern (süd-)östlich Deutschlands in Berührung gekommen. Dabei kam es – auch in der öffentlichen Wahrnehmung – häufiger zu einer Gleichsetzung der neueren, östlichen EU-Mitgliedsstaaten mit „Osteuropa“.

Diese Gleichsetzung der Europäischer Union mit ganz Europa lässt nicht nur all jene Menschen in Europa, die keine EU-Staatsbürgerschaft besitzen, außen vor (die Hälfte der zehn größten Städte Europas liegt außerhalb bzw. östlich der Europäischen Union), sie unterstützt auch die bereits genannten nationalistischen und rassistischen Argumentationsweisen zur Abgrenzung Deutschlands von seinen (süd-)östlichen Nachbarn.

4. Logik des „Kalten Krieges“

Auch über 20 Jahre nach Ende des „Kalten Krieges“ ist er weltweit immer noch tief in den Köpfen der Menschen – und in verschiedenen politischen Institutionen – verankert. Der sogenannte „Ostblock“ umfasste eben auch den Großteil Mitteleuropas (einschließlich Ostdeutschlands) und einen Teil Südosteuropas. Albanien und das ehemalige Jugoslawien gehörten zwar zu den sozialistischen Staaten, zählten aber durch ihre politische Distanz zu Moskau nicht (durchgehend) zum sogenannten „Ostblock“.

Unter dem Eindruck dieser politischen Spaltung Europas ging das im 19. und 20. Jahrhundert vieldiskutierte Konzept eines „Mitteleuropas“ beinahe verloren. Inzwischen wird sowohl im Rahmen der Vereinten Nationen als auch der Europäische Union versucht, dieses Konzept wiederzubeleben, wobei vor allem ein Vorschlag des „Ständigen Ausschusses für geographische Namen“ (StAGN) im Gespräch ist, auf den sich auch andere mitteleuropäische Institutionen berufen. Denn ähnlich wie in Ostdeutschland haben sich die Menschen auch in anderen Regionen zunehmend vom „Kalten Krieg“ emanzipiert.

Natürlich sind die hier verwendeten „kulturräumlichen Kriterien“ (PDF) wiederum nur wissenschaftliche Konstruktionen, die immer auch hinterfragt werden müssen. Deren Autor schreibt dazu: „Nachdrücklich sei aber darauf hingewiesen, dass sich jede Raumgliederung und jeder Nachweis von räumlichen Identitäten zwar auf empirisch gewonnene Fakten stützen kann, aber im Wesentlichen ein soziales und kulturelles Konstrukt ist, das je nach Bildungshintergrund, politischem, nationalem und örtlichem Standort des/der Urheber(s) unterschiedlich ausfallen kann.“ Er bestätigt also: Geografie ist immer auch politisch. So erscheint zum Beispiel auch die Unterscheidung von West- und Mitteleuropa unzeitgemäß bis problematisch.

CC BY-SA 3.0 NordNordWest

CC BY-SA 3.0 NordNordWest

Revisionismen vermeiden

Mit zwölf Zügen bedient DB Arriva unter dem neuen Vertrag in der nordpolnischen Woiwodschaft rund 50 Bahnhöfe im Einzugsgebiet der Hauptstadt Bromberg (Bydgoszcz) und der Stadt Thorn (Toruń).

Revisionistische geografische Bezeichnungen halten sich bis heute im deutschsprachigen Raum. So zum Beispiel ein „Mitteldeutschland“-Begriff, der sich ausschließlich auf Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt im Osten von Deutschland bezieht, wie dies beispielsweise beim „Mitteldeutschen Rundfunk“ (MDR) und der „Wirtschaftsinitiative Mitteldeutschland“ der Fall ist.

Wenn nun bei der Deutschen Bahn von Städten wie „Bromberg“ und „Thorn“ die Rede ist, ist dies zutiefst revisionistisch, denn diese Städte sind aus dem Zweiten Weltkrieg als Bydgoszcz und Toruń hervorgegangen. Im historischen Kontext mögen solche Stadtnamen für bestimmte Zeitspannen angebracht sein, für die Geografie des 21. Jahrhunderts sollten sie keine Rolle mehr spielen (was selbst die deutschsprachige Wikipedia in ihren Namenskonventionen erkannt hat).

In einigen (überregional bedeutenden) Städten gehören mehrsprachige Stadtbezeichnungen zum Alltag. Als guten Gradmesser empfinde ich dabei die – in Mitteleuropa historisch weniger vorbelastete – englische Sprache. In Städten wie Praha (engl. Prague), Kraków (engl. Cracow) und Warszawa (engl. Warsaw) ist es eher unwahrscheinlich, dass sich Anwohner*innen mit den Bezeichnungen Prag, Krakau und Warschau unwohl fühlen, während bei Städten wie Bratislava und Ústí nad Labem die revisionistischen Bezeichnungen „Pressburg“ und „Aussig“ vermieden werden sollten.

Zu jeder Regel gibt es jedoch auch Ausnahmen. Bis heute hat in der rumänischen Stadt Sibiu (dts. Hermannstadt) die deutschsprachige Minderheit einen festen Platz, so dass zum Beispiel zweisprachige Beschilderungen zur Selbstverständlichkeit gehören. Ein Sonderfall ist auch die polnische Stadt Wrocław, die aus wirtschaftlichen Gründen damit begonnen hat, „Breslau“ als touristische Marke zu etablieren. Wer jedoch als Gast die Menschen und nicht die Marke kennenlernen will, kann auch hier getrost auf die deutschsprachige Bezeichnung verzichten.

„Balkan“ oder Südosteuropa?

Auch an anderer Stelle ist die Unterscheidung von geografischen Fremd- und Selbstbezeichnungen wichtig, wie an einem weiteren Beispiel schnell deutlich wird: Dem sogenannten „Balkan“.

Das Wort stammt aus der Zeit des Osmanischen Reiches. In Südosteuropa werden damit zunächst einmal zwei verschiedene Dinge bezeichnet: Das Balkangebirge (bulgarisch und serbisch auch Стара планина/Stara Planina, übersetzt Altes Gebirge) und die geografisch nicht eindeutig definierte „Balkanhalbinsel“.

Die Fremdbezeichnung „Balkanhalbinsel“ wurde Anfang des 19. Jahrhunderts von einem Berliner Geografen geprägt und beruht auf der (falschen) antiken Annahme, das Balkangebirge erstrecke sich über die gesamte Halbinsel und habe somit eine ähnlich prägende Rolle wie der Apennin für die italienische Halbinsel gespielt. Hinzu kommt, dass der „Balkan“-Begriff häufig abwertend gebraucht wird – sei es aus historischen, politischen oder auch rassistischen Gründen (letztere insbesondere bezüglich Sinti und Roma).

In Südosteuropa selber ist der Umgang mit dem „Balkan“-Begriff sehr unterschiedlich. Während vielenorts Menschen die einhergehenden negativen Konnotationen und Vorurteile leid sind, wird er anderswo ironisch bis sarkastisch verwendet – zum Beispiel, um herrschende Verhältnisse zu kritisieren. Im Gebiet des Balkangebirges bezieht er sich größtenteils auf das Gebirge, nicht auf die gesamte Halbinsel, was sogar zu historisch bedingten, positiven Konnotationen führen kann. So bot das Gebirge beispielsweise desöfteren (heute als Held*innen verehrten) Partisan*innen Unterschlupf.

Als geografische Bezeichnung erscheint der „Balkan“-Begriff dennoch völlig ungeeignet, weswegen sich inzwischen der Begriff „Südosteuropa“ durchsetzt. Doch auch hier gibt es die üblichen Probleme mit der genaueren Eingrenzung. Für den StAGN liegen Kroatien und Slowenien in Mitteleuropa, was durchaus plausibel erscheint. Wichtig ist in jedem Fall, auf geografische Eigenbezeichnungen Rücksicht zu nehmen, denn dann fällt es auch leichter, miteinander – statt wie so oft nur übereinander – zu reden.

„Wir“-Gefühl und „ihr“-Aspekt

Eine kurze Anmerkung zum Schluss: Geografische Begriffe werden sehr häufig dazu missbraucht, Identitäten zu konstruieren und damit Menschen auszuschließen. Auch „Europa“ exkludiert, und sollte deswegen möglichst nur geografisch verwendet werden, nicht bezogen auf hier lebende Menschen. Eine Unterscheidung, die (auch im eigenen) Kopf nur mit Anstrengung und ständiger Reflexion aufrechterhalten werden kann, da wir alle nun mal gerne in Schubladen denken.

Wenn eine Revolution ihre Kinder frisst, braucht sie niemand!

Ein Gastbeitrag von Andreas @housetier84 Krämer

Liebe Piraten und Piratinnen, die Lage ist ernst, wir (und mit wir meine ich mich und euch) müssen etwas tun. Nachdem der Parteitag in Neumarkt zu Ende gegangen ist und die Enttäuschung sich wegen des Fehlens von 27 Stimmen für eine SMV gelegt hat, stellen wir fest: Wir haben ein super tolles Programm beschlossen, wobei ich besonders Asyl und Prostitution, aber auch den Europa-Sixpack hervorheben möchte.

Und dann tritt @pyth2_0 aus der Partei aus! Der Grund – wie bei vielen anderen guten Menschen vorher – ist nicht, dass sie keine Lust oder keine Zeit mehr für die Politik haben.

Sie treten aus, weil wir sie zu sehr alleine gelassen haben.

Wir lassen es zu, dass in dieser Partei ein Shitstorm nach dem anderen über Menschen mit Meinungen gezogen wird.
Wir lassen es zu, dass Menschen mit menschenverachtenden Meinungen in dieser Partei bleiben können.
Wir lassen sie handeln und unsere Mitglieder vergraulen. Wir tun zu wenig, wir zeigen zu wenig klare Kante. Ich meine hier jeden von uns! Nicht nur den Bundesvorstand, nicht nur die Landesvorstände, nicht was weiß ich wen. Wir alle sind gemeint und müssen etwas tun! Allein schon damit Konrad Zuse nicht mehr in seinem Grab rotiert.

@HerrUrbach schrieb – kurz nachdem ich @pyth2_0 den Rücken stärkte – »bei ihm macht ihr es und bei anderen nicht?« Und ja er hat vollauf Recht! Wir haben viel zu lange zugeschaut und unsere Worte, dass die Menschen doch bitte bleiben mögen, sind auch nicht das richtige.

In der Piratenpartei herrscht ein giftiges Klima,  das tolle Menschen vergiftet, wie es Lotterleben völlig richtig beschrieb! Und diese tollen Menschen, von denen Pyth und Stephan nur ein Beispiel für viele Menschen sein sollen, die durch diese Mobber schon heraus getrieben wurden: Ich möchte keinen von euch vergessen, deswegen werde ich gar nicht erst anfangen, hier weitere Namen einzutragen.

Aber das hier soll kein weiterer Post dazu sein, wie scheiße es ist, sondern eine Aufforderung zu handeln!

Ich möchte alle Mitglieder der Piraten dazu aufrufen, sich so aktiv wie möglich gegen dieses Mobbing zu stellen. Solltet ihr gemobbt werden, veröffentlicht es! Damit wir euch helfen können. Piraten: Wenn ihr Sexismus oder Rassismus (oder eine andere menschenfeindliche Ideologie) seht, dann tretet diesem aktiv entgegen und zeigt diese an.

Denn Menschenfeindlichkeit wird nicht durch die Meinungsfreiheit gedeckt!

Liebe Vorstandskollegen und Kolleginnen, wenn ihr Anträge auf Ordnungsmaßnahmen bekommt, weil Menschen gemobbt werden, dann handelt. Und nicht nur dadurch, dass ihr entscheidet,  sondern dadurch, dass ihr den Opfern den Rücken stärkt.

Denn „Im Namen der Toleranz sollten wir … das Recht beanspruchen, die Intoleranz nicht zu tolerieren.“ (Karl Raimund Popper)

Sollten Ordnungsmaßnahmen durch die Landesvorstände abgelehnt werden, dann zieht damit zum Bund! Zweifeln schrieb: »Die Partei sei fail by design«, damit hat er zum Teil Recht, jedoch was das Wichtigste ist:

WIR, DIE MITGLIEDER DER PIRATENPARTEI BESTIMMEN, WIE DAS KLIMA IN IHR AUSSIEHT!

Und das heißt auch: wir haben alle ein wenig Schuld daran, dass es vergiftet ist!

Liebe Piraten, die ihr gerne mal nicht meiner Meinung seid, weil ich euch zu ProSMV oder zu „links“ bin, bitte fasst diesen Text nicht als Angriff gegen euch auf! Hier geht es nicht um BGE/SMV/Whatever sondern darum, wie die Kultur in dieser Partei aussieht. Wenn wir das nicht schaffen, sind viele tolle Menschen total umsonst verbrannt und wir können noch soviel tolles Programm, wie wir wollen beschließen.

Wir müssen jetzt handeln!

Und wer hier mit Selbstbeschäftigung und Bundestagswahl kommt, der hat nichts!,  gar nichts verstanden. Ohne eine Kultur der Anerkennung, des Schutzes der Mitglieder und seiner Repräsentanten und Repräsentantinnen haben wir nichts im Bundestag verloren.

Und mit 2 Sprüchen, die wir jetzt konsequent umsetzen müssen (und ich auch für meinen Teil werde) entlasse ich euch aus diesem Blogpost.

Macht kaputt was euch kaputt macht!

Denn es gibt kein ruhiges Hinterland!

Verteidigt die Menschen, die es verdient haben und greift (natürlich nicht mit Gewalt) die Mobber an, wo ihr sie findet!

Ich erwarte jetzt einen Shitstorm und Rücktrittsforderungen, aber Piraten:  Ich habe mit euch noch eine Menge vor. Mich werdet ihr nicht so schnell los!

Danke an @_Rya_ für das Lektorat, danke an @levudev fürs veröffentlichen 🙂

Denkt nach, in was für einer Partei wir sein wollen!

@Housetier84

Die Piratenpartei ist nicht gegen Lobbys, sie ist selber eine

Ein Gastbeitrag von @t_bb_ und @Aranjaeger

Es gibt eine erstaunliche Anti-Lobbying Einstellung in der Piratenpartei. Diese nimmt teilweise groteske Züge an, so dass zum Beispiel gerne mal behauptet wird, die Piratenpartei sei gegen Lobbyismus jeder Art. Das Gegenteil ist der Fall, denn die Piraten sind selber eine Lobby.

Eine Lobby ist an sich ein Zusammenschluss von Menschen, die gemeinsam versuchen die Politik und die Öffentlichkeit durch Überzeugungsarbeit mitzugestalten. Was ist also eine Partei? Eine Lobby für ihre jeweilige Interessensgruppe. Ebenso sind der Vegetarische Bund, der DGB, der Arbeitgeberverband, der Deutsche Olympische Sportbund und der DFB eine Lobby. Eine Lobby kämpft und engagiert sich erst einmal nur für Dinge. Lobbys sind wichtig und notwendig um Dinge zu erreichen, sei es bessere Bezahlungen für Menschen, die unterhalb des Mindestlohns arbeiten müssen, bessere Rechte für Asylsuchende, mehr Engagement gegen Nationalismus oder die Ablehnung von irgendwelchen Bundestrojanern.

In der Piratenpartei herrscht hingegen eine unglaubliche Angst vor sogenanntem »Lobbyismus« oder »Klüngelei«, was mitunter daran liegt, wie der Begriff verwendet wird. Meist wird er benutzt, um gegen gesichtslose Gruppierungen von Firmen zu ranten. »Die Öllobby«, »Die Tabaklobby«,  »Die Autolobby« etc. sind Buzzwords die gerne genutzt werden, um etwas per se als »böse« darzustellen. Dadurch entsteht eine negative Verknüpfung mit dem Wort und alle behalten im Kopf »Lobby = böse«.

Die Piratenpartei setzt sich aktiv für viele Dinge ein. Dafür muss nur unser Programm gelesen werden. So wird sich unter anderem aktiv gegen ACTA, Rassismus, Bundestrojaner sowie für Datenschutz, BGE und gesellschaftliche Teilhabe eingesetzt. Wir versuchen durch Einfluss auf Politik und das öffentliche Leben die Menschen von unseren Idealen zu überzeugen und ja, auch wir nehmen Geld in die Hand, um zu überzeugen. Wir kaufen Flyer, organisieren Veranstaltungen und stellen Plakate auf.

Selbst innerhalb der Piratenpartei feilschen verschiedene Gruppen um Meinungshoheit. Als Beispiel sind hier die Arbeitsgemeinschaften zu nennen, wie z.B. die Anti Atom Piraten und die Nuklearia, die äußerst unterschiedliche politische Vorstellungen haben und für diese natürlich auch geworben haben. Aber auch das Frankfurter Kollegium oder der Kegelklub sind Beispiele für den innerparteilichen Lobbyismus. Natürlich sind die Wege, die verschiedene Lobbygruppen einschlagen, um ihre Ziele zu erreichen kritikwürdig. So wurde das Frankfurter Kollegium beispielsweise dafür gerügt, dass sie einen außerparteilichen Verein eröffnen, um innerparteilich zu arbeiten.

Ebenso verhält es sich mit (außerparteilichen) Lobbygruppen. Natürlich gibt es Lobbygruppierungen, die für das was sie tun und wie sie es tun kritisiert werden. Die oft als »böse« wahrgenommenen Lobbys nutzen oft ihre Mittel, um Politiker und Menschen von ihren Ideen zu überzeugen. Ein Beispiel ist PETA, die teilweise Ideale vertreten, die ich so teilen könnte, sich aber oft mit Vergleichen und Aktionen völlig ins Abseits des politischen Diskurses schießen. Man sollte aber deswegen nicht dem Trugschluss erliegen, Lobbying wäre an sich schlecht. Es ist wichtig, sich zu organisieren und Dinge zu bewegen – deswegen machen wir diesen Scheiß ja schließlich.

Ich würde mir wünschen, dass das Buzzword »Lobbyismus« nicht benutzt wird um Vernetzung jeglicher Art als »Klüngelei« zu brandmarken. Vernetzung ist wichtig, denn Vernetzung bringt Menschen zusammen und je mehr Menschen sich vernetzen, desto mehr bewegen sie auch. Ob Refugeecamps, Anti-Nazi Demos, Anti-ACTA Demos, die Demonstrationen gegen die Castor Transporte und vieles mehr. Lobbying ist wichtig für politische Prozesse. Akzeptiert, dass es Lobbying gibt und dass es Lobbying immer geben wird und schaut lieber wie Lobbygruppierungen agieren und reagieren. Wir müssen transparent machen, wer welchen Einfluss auf welche Entscheidungen hatte. Denn das ist das wichtige: die Transparenz der Lobbygruppen. Nicht, dass es sie gibt. Und dafür müssen wir uns als Piratenpartei vernetzen und gute Lobbyarbeit leisten.

Aufschrei – Eine Geschichte über Arschlöcher und gute Menschen.

Wir waren auf einem Konzert und haben da ein paar Jungs kennengelernt. Meine beste Freundin hatte zu einem von ihnen länger Kontakt, sie gingen miteinander aus. Alles ganz normal. Auf einer privaten Party lud sie auch den ein, der auf mich stand.

Er und ich lehnen also an einer Wand, quatschen, beide ein Bier in der Hand, alles einfach. Ich kriege kaum mit wie die Stimmen der Party im Hof irgendwie gedämpfter werden, stelle viel zu spät fest, dass Männer um uns herum stehen, die ich nicht kenne. Er scheint sie zu kennen, wird wissend angegrinst, einer ruckt mit dem Kopf in eine Richtung, die ich nicht einsehen kann.

“Komm mal mit, ein bisschen alleine sein.”

Er packt meinem Arm, zieht mich durch eine Tür, von der ich gar nichts wusste. Ich sage “Hey!”, versuche mich loszureißen. Keine Chance. Sein Griff ist unerbittlich. Habe keine Zeit mich zu fragen warum zum Teufel mitten im Raum ein verdammter Stuhl steht, er setzt sich und zieht mich mit. Ich hocke mehr als irgendwas anderes, winde mich, drücke mich an seinen Schultern von ihm weg. Er hat mittlerweile einen Arm fest um meine Taille geschlungen, mit dem anderen schlägt er immer wieder meine Hände weg.

“Ich weiß, du willst es.”
“Nein!”
“Klar willst du es!”
“Nein! Hör auf!”

Hände an meinem Hintern, eine Zunge an meinem Hals. Um uns die Jungs, die er mitgebracht hat. Alle lachen, einige klatschen. Ich wehre mich mit aller Gewalt, die ich aufbringen kann, schlage mit den Fäusten los, befreie mich, will losrennen und werde von zwei Männern aus der Gruppe zurück in die Mitte geschubst. Einer drückt mich zurück auf seinen Schoß.

Meine beste Freundin platzt herein, wird festgehalten, schlägt um sich und schreit. Sie gewinnt das Gerangel, auch wenn ich nicht weiß wie, vielleicht der Überraschungsmoment. Sie zieht mich aus der johlenden Meute durch eine andere Tür, ich kann kaum noch atmen. Wir jagen an der Party vorbei, sie ruft den Namen meines Ex-Freundes, panisch, er folgt uns sofort.

Zwischen parkenden Autos setzen wir uns zu dritt auf den Boden, sie drückt mir eine Zigarette in den Mund und zündet sie an. Ich paffe und starre sie an.

Sie zieht meinen Hosenschlitz zu und schließt den Knopf, sagt etwas zu meinem Ex, der zieht seine Jacke aus und mir an. Der Ärmel meines Pullovers ist gerissen. Ich zittere unkontrolliert los als mir klar wird, was gerade fast passiert ist. Er setzt sich neben mich, hält mich ganz fest und steckt mir eine neue Zigarette in den Mund.

“Tut das weh?”, fragt meine Freundin, ich verstehe nicht was sie meint und schüttel den Kopf. Sie zeigt auf meine blutigen Fingerknöchel und mein aufgeschürftes Knie unter der zerrissenen Jeans.

Wir hören Stimmen. Sie laufen an uns vorbei, entdecken uns. Mein Ex zieht mich hoch, stellt sich vor mich, er misst fast zwei Meter, ist kräftig, ich klammere mich an ihm fest. Zwei Männer lösen sich aus der Gruppe, kommen näher, einer sagt “Das ist doch unsere!”, und lacht. Er greift nach mir, erwischt mich aber nicht. Sie versuchen es jetzt zu zweit, mein Ex schirmt mich nicht mehr nur ab, er wird handgreiflich, brüllt sie an, einige Partygäste werden aufmerksam, kommen dazu. Bekannte Gesichter, die sich dazwischen stellen, fragen, was los sei. Die fremden Männer zeigen auf mich, ich höre, wie sie mich “Bitch” nennen und sagen “erst heiß machen und dann abhauen, Schlampe.” Freunde und Bekannte von der Party glotzen mich an, wie ich mich beinahe vollkommen erstarrt mit blutenden Händen an meinem Ex festkralle. Ein Junge mit Rastas, den ich als das Date einer Freundin erkenne, tippt sich an die Stirn und sagt zu den Männern “Ihr habt sie doch nicht mehr alle. Verpisst euch.” Wortgefechte, ein Handgemenge. Sie bemerken ihre Unterlegenheit, da stehen immer mehr Leute zwischen ihnen und mir. Sie drehen sich um, greifen sich auf dem Weg noch Bierflaschen aus den Kästen, gröhlen “die bekommt schon noch ihr Fett weg” und “die hat doch genug Kerle da, die werden’s ihr besorgen”.

Während sie außer Sichtweite verschwinden, schafft meine Stimme es “dämliche Wichser” zu formulieren, der Junge mit den Rastas klopft mir auf die Schulter, sagt “Jau.” Ich höre “Arschlöcher, eh.” von jemand anderem und “Was wollten die Pisser überhaupt?”. Meine beste Freundin erzählt ihr Date habe ihr gesagt “deine Freundin kriegt heute was sie will.”. Ich frage ob er noch da ist. Sie lacht und verneint. Der feste Freund von einem Mädchen auf der Party lässt sich mein Handy geben, tippt seine Nummer ein. “Wenn die wieder auftauchen, ruf an.”

Das kann ich nur anonym veröffentlichen, eins von den vielen Angeboten dazu annehmend, die über Twitter eintrafen. Ich habe kein Interesse an dummen Sprüchen.

Und es ist mir unheimlich wichtig dies zu betonen: Menschen werden sexuell belästigt. Menschen tun Menschen sexuelle Gewalt an. Das verunglimpft kein Geschlecht, es macht kein Geschlecht zum Opfer. Es ist persönlich. Diejenigen, die bei #aufschrei ihre Geschichten erzählen, erzählen ihre Geschichten. Die Masse verdeutlicht, wie groß dieses Problem ist.

Ich erzähle hier eine Erfahrung, die ich gemacht habe. Diese Erfahrung ist keine Schublade, in die ich Männer oder Frauen stecke. Es gibt gute und schlechte Menschen (und ich bin fest davon überzeugt, dass die Guten überwiegen), hier habe ich von beiden berichtet.

Danke für eure Aufmerksamkeit und Danke an die Brunnengespräche für eure Diskretion.

Das untragbare Verhalten des Johannes Ponader

Disclaimer: Auch wenn die Autoren Vorsitzender bzw. Stellvertretender Vorsitzender der Jungen Piraten sind stellt dieser Text keine Aussage der Jungen Piraten als Organisation dar sondern die eigene Meinung der Autoren und ihrer Unterstützer.

Der politische Geschäftsführer der Piratenpartei, Johannes Ponader, hat seinen Rücktritt vom Amt verkündet. Gemeint ist damit das Arbeitsamt und seine menschenunwürdige Praxis im Umgang mit seinen sogenannten “Kunden”.
Um seinen Lebensunterhalt zu sichern gibt es nun eine Spendenaktion.

In letzter Zeit gab es öfters Diskussionen um die Finanzen der Piratenpartei. Die Diskussion um die Bezahlung von Vorständen ist nur ein Teil davon. Die Spendenaktion für Johannes Ponader nach seinem Rücktritt vom Amt wirft ein ganz neues Licht auf die Diskussion.

Dabei wird des öfteren ganz bewusst der Begriff eines “Bedingungslosen Grundeinkommens” für Johannes Ponader aufgeworfen. Verkannt wird dabei aber, dass es sich hier nicht um ein allgemeines “Bedingungsloses Grundeinkommen” handelt, sondern um die Sicherung von Johannes’ Lebensunterhalt – damit er seiner Tätigkeit als politischer Geschäftsführer im Bundesvorstand der Piratenpartei Deutschland uneingeschränkt nachkommen kann. Es soll also ein persönliches Privileg von Johannes darstellen und ist damit mitnichten vergleichbar mit einem BGE – auch wenn die angestrebte Höhe im  Bereich der in der Diskussion befindlichen BGE-Sätze liegt. Dass dies von Johannes, als einem beim Thema BGE engagiertesten Piraten, nicht erkannt wird und er sich selber gar noch als Grundeinkommensbezieher [1] tituliert schadet der allgemeinen BGE-Debatte.

Sehr bedenklich stimmt es uns auch, dass hier die eigene Position genutzt wird um persönliche Privilegien zu etablieren. Außerdem steht zu befürchten, dass Johannes sich durch die Spenden an seine Person nicht mehr so frei äußern kann, wie wir es von einem politischen Geschäftsführer erwarten, oder es zumindest vermeidet, innerparteilich allzu stark anzuecken.

Die Piratenpartei steht für eine basisbestimmte Politik. Wenn Johannes der Ansicht ist, dass die Vorstände aufgrund des massiven Arbeitsaufwandes, den niemand bestreitet, von der Partei eine Aufwandsentschädigung erhalten sollten, dann ist es gerade als politischer Geschäftsführer seine Aufgabe, die innerparteiliche Willensbildung in diesem Punkt voranzutreiben und einen derartigen Beschluss anzuregen.

Statt dies zu tun, nutzt Johannes seine Position und seinen Bekanntheitsgrad als politischer Geschäftsführer der Piratenpartei aus, um an der Partei vorbei und mittelfristig auf deren Kosten dieses “BGE-Projekt”durchzuziehen.

Deswegen fordern wir Johannes dazu auf, dieser Spendenaktion ein Ende zu bereiten. Es steht ihm frei, eine Aufwandsentschädigung für Bundesvorstandsmitglieder in der Piratenpartei politisch durchzusetzen oder seinen Lebensunterhalt anders zu sichern. Das Ausnutzen seiner exponierten Position in dieser Art und Weise ist aber nicht hinnehmbar.

Florian Zumkeller-Quast und Paul Meyer-Dunker

1: https://twitter.com/JohannesPonader (Biographie)

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