Archiv des Autors: cheGGo / @kaifuzius

#orgastreik: Vertrauen durch Neutralität

Liebe SysAdmins Kollegen,

Ich betreue seit 5 Jahren die IT Infrastruktur für den Landesverband Hessen.
Ich stand für 30 Minuten auf der Liste der Unterstützer und habe gegen ein Grundprinzip gehandelt, welches ich innerhalb der letzten Jahre in meiner Position als SysAdmin in Hessen gelebt habe:

Vertrauen durch Neutralität.

Wir haben Zugriff auf Logfiles, eMails, Bilder, Owncloud-Instanzen und sogar Abstimmungen in Liquid-Feedback – auf jede Information die Relevanz für die politische Arbeit der Piratenpartei und/oder deren Landesverband hat.
Privilegierten Zugriff auf Informationen zu haben bedeutet Macht zu haben.

Wir haben Macht über die Grundsätze der Informationssicherheit:

1. Vertraulichkeit der Information
2. Integrität der Information
3. Verfügbarkeit der Information
4. Authentizität der Information

Es gibt keine technische Lösung für das Vertrauen, dass unsere Nutzer uns entgegenbringen, das wir die o.g. Grundsätze nicht brechen. – Und wir können sie brechen, das muss nicht mal sofort jemanden auffallen.

Aus diesem Grund ist eine Abschaltung, das heißt, die Verletzung der Verfügbarkeit, ein immens großer Vertrauensbruch in einem einseitigen Vertrauensverhältnis und kompromittiert die Informationssicherheit, die wir gewährleisten müssen.

Zum Zeitpunkt meiner Unterstützung, war mir nicht bewusst, dass es um die Abschaltung von Infrastruktur geht, naiv ging ich davon aus, wir bearbeiten ein paar Tage keine Tickets und halten den notwendigsten Betrieb aufrecht… und selbst das war falsch.

Es gab in den letzten 5 Jahren sehr viele politische Entscheidungen im Landesverband Hessen die mir als Mitglied nicht sonderlich gut gefallen haben – nein, mich sogar angekotzt haben und ich habe bis heute nicht gegen das oben genannte Prinzip verstoßen.

Heute ist es mir passiert und ich bin glücklich, dass ich von sehr vielen Menschen auf meinen Fehler aufmerksam gemacht wurde und mich an meine Prinzipien erinnert haben.

Wir SysAdmins dürfen zu keinem Zeitpunkt gegen die oben genannten Grundsätze handeln – Sonst verletzen wir unsere eigene Integrität.
Wenn uns was nicht passt, haben wir die gleichen Möglichkeiten, die ein normales Mitglied auch hat. Sonst manipulieren wir.

Ende der Durchsage.

@kaifuzius / cheGGo – Streikbrecher.

Themen statt Köpfe – statt Themen sollen Köpfe rollen

Gestern veröffentlichte der hessische Landesvorstand der Piratenpartei eine Stellungnahme zur Entwicklung der Wahlkampfstrategie der Bundespartei zur Bundestagswahl 2013.
Gerne möchte ich ein paar Punkte kommentieren.
Wir wollen Wahlkampf im Sinne der Piratengrundwerte 
Da stellt sich mir zunächst die Frage: Was sind die Piratengrundwerte? Sicher kann man aus unserem Programm eine gewisse Grundhaltung gegenüber politischen Themen erkennen.
Man kann aber auch hergehen und die “Pluralismus”-Karte spielen, die sicherlich genauso weit an den Haaren herbeigezogen werden kann, wie andere “Grundwerte”. Ihr versteht das Paradoxon? – Ihr könnt es auch Nullsummenspiel nennen.
Persönliche Stellungnahme der Piraten des Hessischen Vorstandes
Am letzten Wochenende fand in Leipzig ein Strategie-Barcamp statt, zu dem der Bundesvorstand der Piratenpartei Deutschland alle Landesverbände eingeladen hatte. Dort sollte die Strategie des anstehenden Bundestagswahlkampfes festgelegt werden.
Kristos Thingilouthis, stellvertretender Vorsitzender der Piratenpartei Hessen, kommentierte die Ergebnisse mit klaren Worten “Die Strategie des Bundes ist Scheiße. Welche Aussenwirkung sollen wir haben, wie wirkt sich Kleidung aus, welche Wirkung haben Farben, wie bringen wir Köpfe nach vorne – das sind doch keine Fragen für Piraten!
Wir müssen etwas eigenes machen, denn wir stehen für Inhalte und Positionen, die Menschen überzeugen sollen und nicht für Marketinginstrumente wie Zielgruppenanalysen.”
Dieser O-Ton ist ein absolutes No-Go. Sollte man am zufällig die PPH kennen (Arbeitsklima bestenfalls als “angespannt” zu bezeichnen und mit Nettigkeiten wird auch selten um sich geworfen), wo unser Landesvorstand jede Gelegenheit nutzt, auf “konstruktive Kritik” und auf die Netiquette hinzuweisen, fragt man sich schon, wo die Integrität an dieser Stelle bleibt?
Statt “Köpfe mit Themen”, wie es seitens des Bundesvorstandes propagiert wird, verstehen sich die Hessischen Piraten als wertekonservativ im Sinne der ursprünglichen Piratenidee. Dies bedeutet unter anderem, dass sie für ihren Wahlkampf rein auf “Themen statt Köpfe” setzen wollen. Hierunter ist der Verzicht auf das Positionieren von Personen in Ämtern oder vermeintliches Spitzenpersonal in der Öffentlichkeit zu verstehen. “Politik 1.0 ist mit uns nicht zu machen”, so Thingilouthis weiter.
Inwiefern hat der Landesvorstand Einfluss auf die Wahlkampfstrategie der hessischen Piraten? Zwar deklariert ihr euren Beitrag hier als Meinung (der Piraten) des Landesvorstands, präsentiert hier aber ganz deutlich in der Öffentlichkeit Fakten zum “hessischen Wahlkampf”, die weder abgestimmt noch vollständig diskutiert worden sind.
“Wir nehmen die Präambel des Grundsatzprogramms der Piratenpartei Deutschland ernst”, so Thumay Karbalai Assad, Vorsitzender in Hessen. In dieser wird klargestellt, dass sich die Piraten in erster Linie als Teil einer weltweiten Bewegung verstehen, die diese Ordnung zum Vorteil aller mitgestalten will. “Herausragende Politikerköpfe passen so gar nicht zu einer Bewegung”, stellt Karbalai Assad klar, “Das ist etablierte Politik aus antiquierten Köpfen, die keiner mehr will. Die Arbeit zu professionalisieren bedeutet nicht, schlicht das gleiche zu machen wie die Altparteien. Dafür braucht uns keiner.”
Ihr möchtet nicht sein wie die Altparteien – ich glaube diese Meinung teilt jeder Pirat. Die Frage die sich mir hier stellt:
Wie sollen die Wählerinnen und Wähler das erfahren, wenn es Ihnen keiner sagt oder zeigt?
Viele Bewegungen haben Köpfe um ihre Themen zu transportieren:
– Wikileaks: Julian Assange
– Weiße Rose: Sophie und Hans Scholl
– Frauenrechte: früher Alice Schwartzer, heute u.a. Pussy Riot
– Chaos Computer Club: Constanze Kurz und Frank Rieger
– FoeBud: padeluun
Diese nur als Beispiele zu nennen.
Der Landesvorstand sieht sehr wohl das Problem, dass Menschen sich gerne mit Personen identifizieren, “Aber muss das ein Vorstand sein? Viel von der aktuellen Außenwahrnehmung der Piratenpartei, wie “Chaos-Truppe” und dergleichen, rührt von einem Unbehagen vieler Mitglieder, und dem daraus resultierenden Streit, nur eine weitere Partei im Spektrum zu werden, deren Spitzenpersonal die eigenen Themen von oben herab vorgibt und dabei die Basis und vor Allem den Bürger vergisst.”, so Kristof Zerbe, Generalsekretär des Hessischen Landesverbandes.
Seid ihr der Meinung, diese Mitteilung auf unserer Webseite – in diesem Ton verfasst – verbessert das Bild der Piratenpartei in der aktuellen Außenwahrnehmung?
Und “Wer achtet denn bitteschön auf die Außenwirkung?” lass ich hier nicht gelten, schließlich benutzt ihr es als Argument.
Sascha Brandhoff, politischer Geschäftsführer der Piratenpartei Hessen warnt zudem davor den Fokus einzig auf Parlamente zu legen und stellt sich die Frage: “Wie wollen wir die Politik verändern, wenn wir uns einzig darauf verlassen, Mandate zu erringen, ohne den Menschen zu erklären, dass wir Ihnen die Entscheidungshoheit zurückgeben wollen? Momentan steuern einige Mitglieder in die gleiche Richtung wie die der etablierten Parteien, obwohl wir gegen den Wind kreuzen sollten”.
Hat die Piratenpartei bereits konkrete Ideen, die das parlamentarische System mit Mandaten in der Form wie wir sie haben, um dem Menschen die Entscheidungshoheit zu gewährleisten, die wir ihm versprechen?

Nein – dazu müssen wir in die Parlamente. Dazu brauchen wir Mandate. Dafür müssen wir zu Wahlen antreten. In diesem Dilemma stecken wir, ganz ohne Bewegung.
Lothar Krauß, Schatzmeister der Piratenpartei Hessen, fordert auf: “Wir müssen uns alle die Frage stellen: Wofür machen wir das eigentlich? Warum sind wir Piraten geworden? Uns geht es darum, unsere Punkte an die Öffentlichkeit zu bringen. Durch Konzentration auf die Themen im Programm wollen wir diese wichtigen Forderungen in Zukunft durchzusetzen. Gute Wahlergebnisse sind dabei wichtig, aber nicht das Wichtigste. Mandate sind ein nützliches Mittel, aber nicht das letztendliche Ziel. Daher brauchen wir einen Wahlkampf, der Themen in den Vordergrund stellt, hinter denen die Mitglieder stehen, einen Wahlkampf, den alle mit Freude mittragen. Nur dann sind wir authentisch. Nur dann bewegen wir wirklich etwas!” 
Bewegung? Partei? Wir sind eine Partei. Wir sind eine Bewegung. Sicher trifft beides zu. Leider macht ihr den Fehler zu sagen, dass das Eine das Andere ausschließen würde, statt die Synergieeffekte zu nutzen. Eine Bewegung zu sein, die Politik macht und imstande ist mitzuentscheiden. Und genau das macht die Mandate genauso wichtig, wie die Themen und Veränderungen, die wir uns innerhalb der Gesellschaft wünschen.
“Solidarität und Ehrlichkeit ist eine der Tugenden der Piraten, und dieses werden wir auch weiter verfolgen.”, so Thingilouthis weiter, “Wir freuen uns auf den Wahlkampf in Hessen, denn wir sind eine Bürgerbewegung im Mantel einer Partei, die wirklich etwas verändern kann und dies auch bereits unter Beweis gestellt hat.”
tl;dr
Themen statt Köpfe wird gerufen.
Themen in Köpfe wird versucht.
Nur statt Themen sollen Köpfe rollen.
so long…