Aufschrei – Eine Geschichte über Arschlöcher und gute Menschen.

Wir waren auf einem Konzert und haben da ein paar Jungs kennengelernt. Meine beste Freundin hatte zu einem von ihnen länger Kontakt, sie gingen miteinander aus. Alles ganz normal. Auf einer privaten Party lud sie auch den ein, der auf mich stand.

Er und ich lehnen also an einer Wand, quatschen, beide ein Bier in der Hand, alles einfach. Ich kriege kaum mit wie die Stimmen der Party im Hof irgendwie gedämpfter werden, stelle viel zu spät fest, dass Männer um uns herum stehen, die ich nicht kenne. Er scheint sie zu kennen, wird wissend angegrinst, einer ruckt mit dem Kopf in eine Richtung, die ich nicht einsehen kann.

“Komm mal mit, ein bisschen alleine sein.”

Er packt meinem Arm, zieht mich durch eine Tür, von der ich gar nichts wusste. Ich sage “Hey!”, versuche mich loszureißen. Keine Chance. Sein Griff ist unerbittlich. Habe keine Zeit mich zu fragen warum zum Teufel mitten im Raum ein verdammter Stuhl steht, er setzt sich und zieht mich mit. Ich hocke mehr als irgendwas anderes, winde mich, drücke mich an seinen Schultern von ihm weg. Er hat mittlerweile einen Arm fest um meine Taille geschlungen, mit dem anderen schlägt er immer wieder meine Hände weg.

“Ich weiß, du willst es.”
“Nein!”
“Klar willst du es!”
“Nein! Hör auf!”

Hände an meinem Hintern, eine Zunge an meinem Hals. Um uns die Jungs, die er mitgebracht hat. Alle lachen, einige klatschen. Ich wehre mich mit aller Gewalt, die ich aufbringen kann, schlage mit den Fäusten los, befreie mich, will losrennen und werde von zwei Männern aus der Gruppe zurück in die Mitte geschubst. Einer drückt mich zurück auf seinen Schoß.

Meine beste Freundin platzt herein, wird festgehalten, schlägt um sich und schreit. Sie gewinnt das Gerangel, auch wenn ich nicht weiß wie, vielleicht der Überraschungsmoment. Sie zieht mich aus der johlenden Meute durch eine andere Tür, ich kann kaum noch atmen. Wir jagen an der Party vorbei, sie ruft den Namen meines Ex-Freundes, panisch, er folgt uns sofort.

Zwischen parkenden Autos setzen wir uns zu dritt auf den Boden, sie drückt mir eine Zigarette in den Mund und zündet sie an. Ich paffe und starre sie an.

Sie zieht meinen Hosenschlitz zu und schließt den Knopf, sagt etwas zu meinem Ex, der zieht seine Jacke aus und mir an. Der Ärmel meines Pullovers ist gerissen. Ich zittere unkontrolliert los als mir klar wird, was gerade fast passiert ist. Er setzt sich neben mich, hält mich ganz fest und steckt mir eine neue Zigarette in den Mund.

“Tut das weh?”, fragt meine Freundin, ich verstehe nicht was sie meint und schüttel den Kopf. Sie zeigt auf meine blutigen Fingerknöchel und mein aufgeschürftes Knie unter der zerrissenen Jeans.

Wir hören Stimmen. Sie laufen an uns vorbei, entdecken uns. Mein Ex zieht mich hoch, stellt sich vor mich, er misst fast zwei Meter, ist kräftig, ich klammere mich an ihm fest. Zwei Männer lösen sich aus der Gruppe, kommen näher, einer sagt “Das ist doch unsere!”, und lacht. Er greift nach mir, erwischt mich aber nicht. Sie versuchen es jetzt zu zweit, mein Ex schirmt mich nicht mehr nur ab, er wird handgreiflich, brüllt sie an, einige Partygäste werden aufmerksam, kommen dazu. Bekannte Gesichter, die sich dazwischen stellen, fragen, was los sei. Die fremden Männer zeigen auf mich, ich höre, wie sie mich “Bitch” nennen und sagen “erst heiß machen und dann abhauen, Schlampe.” Freunde und Bekannte von der Party glotzen mich an, wie ich mich beinahe vollkommen erstarrt mit blutenden Händen an meinem Ex festkralle. Ein Junge mit Rastas, den ich als das Date einer Freundin erkenne, tippt sich an die Stirn und sagt zu den Männern “Ihr habt sie doch nicht mehr alle. Verpisst euch.” Wortgefechte, ein Handgemenge. Sie bemerken ihre Unterlegenheit, da stehen immer mehr Leute zwischen ihnen und mir. Sie drehen sich um, greifen sich auf dem Weg noch Bierflaschen aus den Kästen, gröhlen “die bekommt schon noch ihr Fett weg” und “die hat doch genug Kerle da, die werden’s ihr besorgen”.

Während sie außer Sichtweite verschwinden, schafft meine Stimme es “dämliche Wichser” zu formulieren, der Junge mit den Rastas klopft mir auf die Schulter, sagt “Jau.” Ich höre “Arschlöcher, eh.” von jemand anderem und “Was wollten die Pisser überhaupt?”. Meine beste Freundin erzählt ihr Date habe ihr gesagt “deine Freundin kriegt heute was sie will.”. Ich frage ob er noch da ist. Sie lacht und verneint. Der feste Freund von einem Mädchen auf der Party lässt sich mein Handy geben, tippt seine Nummer ein. “Wenn die wieder auftauchen, ruf an.”

Das kann ich nur anonym veröffentlichen, eins von den vielen Angeboten dazu annehmend, die über Twitter eintrafen. Ich habe kein Interesse an dummen Sprüchen.

Und es ist mir unheimlich wichtig dies zu betonen: Menschen werden sexuell belästigt. Menschen tun Menschen sexuelle Gewalt an. Das verunglimpft kein Geschlecht, es macht kein Geschlecht zum Opfer. Es ist persönlich. Diejenigen, die bei #aufschrei ihre Geschichten erzählen, erzählen ihre Geschichten. Die Masse verdeutlicht, wie groß dieses Problem ist.

Ich erzähle hier eine Erfahrung, die ich gemacht habe. Diese Erfahrung ist keine Schublade, in die ich Männer oder Frauen stecke. Es gibt gute und schlechte Menschen (und ich bin fest davon überzeugt, dass die Guten überwiegen), hier habe ich von beiden berichtet.

Danke für eure Aufmerksamkeit und Danke an die Brunnengespräche für eure Diskretion.

5 Gedanken zu „Aufschrei – Eine Geschichte über Arschlöcher und gute Menschen.

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  2. ThorstenV

    Das beschriebene Geschehen hätte allerdings Anlass für eine Anzeigen wg. sexueller Nötigung gegeben, wenn zum Zeitpunkt der Tat schon die derzeitige Gesetzeslage bestand.

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  3. Dunkelangst

    Hi!

    Dein Beitrag deckt sich mit meinen Erfahrungen in Deutschland. So oder ähnlich kommt das in Deutschland sehr häufig vor. Ich bin übrigens in Taiwan und lebe seit Monaten nicht in Deutschland und ich muss sagen, dass ich mich hier im fernen Asien sicherer fühle als in Deutschland auf dem Dorfe.

    Ich hab meine Erfahrungen mal in meinem Blog beschrieben [1], [2].

    Viele Grüße
    Dunkelangst

    [1]: http://www.dunkelangst.org/2013/sexismus-ein-aufruf-zu-mehr-zivilcourage/
    [2]: http://www.dunkelangst.org/2012/der-us-amerikanische-auslander/

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