Philipp Rösler – Science Fiction Minister

Jeder von uns kennt irgendeinen Film, der in der Zukunft spielt. Oft sind dies Filme, in denen wenige multinationale Konzerne den Ton angeben und Horden von Arbeitern in riesigen Wohnblöcken mit viel zu kleinen Wohnungen. Es geht nicht ums Leben, sondern darum, gelegentlich eine Doppelschicht zu machen, damit noch genug zu Essen vorhanden ist. Irgendwann kommt der Held des Films und macht was ganz Tolles gegen den fiesen Konzern und alles wird super.

Ha, nur Science Fiction. Popcornkino, das sich leicht anschauen lässt, denn uns geht es ja gut. Überflussgesellschaft, Wohlstandsgesellschaft, das sind ja wir. Zum Großteil zumindest. Ok, Großteil ist auch übertrieben, aber was solls. All diejenigen, die für einen Hungerlohn arbeiten, die übersehen wir gern. Von den Arbeitslosen ganz zu schweigen.
Wären hier plötzlich Zustände wie in einem Film, es gäbe einen Aufschrei. Passiert es schleichend, meckert kaum jemand. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer mehr auseinander. Jedes Jahr ein paar zehn- oder hunderttausend mehr, die im Niedriglohnsektor arbeiten. Leiharbeiter haben neue Chancen auf dem Arbeitsmarkt, sie verdienen nur vorübergehend wenig, ist klar. Deswegen boomt Leiharbeit, es ist ganz toll, wenn Menschen wenig verdienen, es geht ja nur um die Chance.

Alles nur vorübergehend, die Politik wirds schon richten. Allgemeines Gedankengut, denn wir wählen ja Politiker, damit sie Gutes für das Volk machen. Zum Beispiel den Armutsbericht beschönigen.
“Allerdings arbeiteten im Jahr 2010 in Deutschland knapp über vier Millionen Menschen für einen Bruttostundenlohn von unter sieben Euro.” Einfach gestrichen aus dem Bericht. Die ursprüngliche Fassung entspricht nicht der Meinung der Bundesregierung, meinte Philipp Rösler. Was entspricht denn dann der Meinung der Bundesregierung? Bleiben wir doch direkt bei Herrn Rösler.

“Der Mindestlohn ist mit uns nicht machbar.” Ja wo kämen wir denn da auch hin, wenn wir jemanden Vollzeit arbeiten lassen und derjenige bekommt plötzlich ein Wahnsinnsgehalt von 1200 Euro brutto? Das kann Herr Rösler ja nicht zulassen. Aus derselben Partei hört man auch oft “Arbeit muss sich wieder lohnen”. Da stellt sich die Frage, ja für wen denn? Offenbar nicht für die Arbeiter.

“Verkauf von Staatsbeteiligungen im großen Stil”. Jaja, die Privatisierung, das Allheilmittel. Was der Bürger von Privatisierung mitbekommt, ist, dass es teurer wird, dafür weniger sicher. Dafür ist kurzfristig ein Loch im Haushalt gestopft. Prima, das Geld können wir sofort wieder rausschmeissen. Stuttgart 21, Berliner Flughafen, Hamburger Elbphilharmonie reicht noch nicht.
Wir haben wichtige Infrastruktur im Besitz des Bundes. Infrastruktur, die funktionieren muss. Wir können nicht einfach alles privatisieren. Schaut man sich in anderen Ländern um, was dort privatisiert wurde und hier noch nicht, stellt man vor allem eines fest: in Deutschland funktioniert es noch halbwegs. Es wäre schön, wenn das auch zukünftig so bleibt. Und selbst wenn einiges versilbert wird, so gibt es doch immer noch einiges, das unantastbar ist. Zumindest für jeden klar denkenden Menschen. Was aber möchte Herr Rösler? Die Flugsicherung privatisieren? Ich fasse es nicht. Wollen wir wirklich alles verkaufen, worauf die Regierung Einfluss hat oder überlassen wir zukünftig alles den Entscheidungen irgendwelcher Konzerne? Wann privatisieren wir die Polizei? Wann die Schulen?

Philipp Rösler ist Bundeswirtschaftsminister. Es wäre schön, wenn ihm das mal jemand sagen würde. Das ist hier keine Science Fiction, das ist unser aller Leben, mit dem er spielt.

3 Gedanken zu „Philipp Rösler – Science Fiction Minister

  1. Nadja

    guter Ansatz, aber die pauschale Bewertung von SciFi ist falsch. Du schreibst von dystopischen Social SciFi (wie z.B. die diesjährige Version von Total Recall, die sich mehr an das Original von Philip K. Dick hält als die Schwarzenegger-Version) – diese SciFi stelle aber nur einen Teil des Spektrums dar, das von scifi Verfilmungen abgedeckt wird.

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    1. Jürgen

      Kann ich so nicht unwidersprochen stehen lassen. Das zielt eher in den Bereich “Social Fiction”, der bereits mustergültig von John Brunner abgedeckt wurde mit Werken wie “Morgenwelt”, “Schafe blicken auf” und “Die Plätze der Stadt”.

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  2. Pingback: Wochenrückblick 05.11.2012 – 27.12.2012 « Sikks Weblog

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